„nur“ ein Apfel?

Wir greifen in den Korb. Es liegen zwei Äpfel drin, beide dunkelrot und äußerst lecker anzusehen. Wir entscheiden uns für den roteren, den NOCH roteren. Ich, die ich den Apfel haben wollte, freue mich darauf.

Etwas anderes in mir wird laut, ganz plötzlich, poltert los: Wie schäbig von dir, trotz deiner miserablen finanziellen Lage zwischen ZWEI Äpfeln wählen zu können! Wie ekelhaft von dir, für dich selbst zu sorgen. Vorräte einzukaufen. Du hättest wissen müssen, dass das für dich verboten ist. Du gehörst in die Gosse, und nirgendwo anders hin.

Ich erschrecke.

Versuche, die Stimme weg zu dissoziieren.

Werde mir klar: Auch das passiert wohl, wenn man mehr voneinander mitbekommt: solche Stimmen werden hörbar, manche sogar zum ersten Mal.

Mir war nie klar, dass für sich sorgen etwas ist, wofür es Bestrafung gibt. (Ich habe nur zeitlebens damit gekämpft.)

Vielleicht ist das ja öfter so, dass hinter chronisch dysfunktionalen Sachen solche (manchmal nichtmal wahrnehmbaren) Innens stecken…

Hin.

Seht ihr denn nicht?

Wie könnt ihr zusehen, aber nicht hinsehen?

Hört ihr denn nicht?

Wie könnt ihr zuhören, aber nicht hinhören?

Sagt ihr denn nichts?

Wie könnt ihr reden, aber nichts sagen?

Ja, es tut so gut, die drei kleinen Äffchen zu sein.

Nichts sehen, nichts hören. (-müssen.)

Und nichts sagen. (-müssen).

Aber das zerstört Leben!

Es ist nicht nur böse und feige,

es tötet die Seelen Derjenigen, die es erleiden,

während ihr nichts seht, nichts hört, und nichts sagt.

Und damit ist es ein Verbrechen.

Wer die Augen, Ohren und den Mund verschließt,

damit er nicht sehen, hören oder sprechen muss,

läuft Gefahr, ein Verbrechen zu begehen.

Denn am Ende sitzt jemand da,
abends,
an seinem Schreibtisch,
und schreibt in einem neuen Blogbeitrag:

Es tut so weh.

Es tut so so so sehr weh.

Jeden Tag tut es so weh, jeden Tag versuche ich die schmerzenden Wunden zu salben.

Und am Ende des Tages
sitze ich da, mit den dreckigen Verbänden, und es schmerzt einfach weiter. Ich habe die falsche Salbe. Sie heilt nicht. Sie verdeckt nur, notdürftig, damit es tagsüber irgendwie geht.

Es tut so weh! ES TUT SO WEH!!!

Warum habt ihr nichts getan???

WARUM HABT IHR NICHTS GETAN???

Mama Papa

 

Dass ich eine Betroffene von schwerer Gewalt bin –
ich mags nicht glauben.

 

Eingeredet hab ichs mir doch bloß,
in langen dunklen Nächten.

 

In denen ich da saß, ängstlich, zitternd,
vor dir –
ach ich stell mich doch nur an …

 

Mags nicht glauben,
dass du es warst
Mama
Papa
mags nicht glauben.

 

So schlimm wars doch nicht,
hör ich mich denken.

 

So schlimm wars doch nicht,
kurz runter zu steigen,
ganz nach unten,
da wos nicht mehr weiter runter geht,
ach so schlimm wars doch nicht.

 

Kam ja wieder hoch.
Bin doch hier.
Kann atmen, lachen,
bin doch ganz normal …

 

Bin komisch nur hinter verschlossener Tür
wo ich Angst hab vor dir
Mama
Papa.

Karfreitag

Es ist 10.45, und wir sitzen in unserem Lieblingspark. Viele Herausforderungen, die es schon zu bewältigen gab, bis wir am Ende hier angekommen sind, auf dieser Parkbank. Mit Sonne zwischen den Wolken, und mit Vogelgezwitscher.

 

Das Aufstehen fühlte sich schon falsch an. Viel zu müde und erschöpft haben wir uns aus dem Bett begeben, uns Ingwertee gekocht und angezogen. Kaffee, so dachten wir, würden wir uns heute ausnahmsweise mal beim Bäcker leisten.

 

Dann der Weg, mit der Erschöpfung in Kopf und Körper eine ziemliche Tortur. Gedankenchaos. Wären wir doch n8 im Bett geblieben!!! Wir verfluchen uns innerlich. Dann die Idee: Jetzt ist es eben so, wie es ist, und wir versuchen, im Moment zu bleiben. Ob es im Bett wirklich besser gewesen wäre, kann uns ja letztlich auch niemand sagen.

 

Was wir dann leider feststellen müssen: an Karfreitag haben alle Bäcker zu. Enttäuschung… und die Idee, die Stadt nach geöffneten Cafés abzusuchen in der Hoffnung, dort einen günstigen Kaffee zu bekommen. Aber nichts. Alles zu. Der Blick fällt auf eine geöffnete Eisdiele. Wir schlendern daran vorbei, wünschen uns ein Schild „Kaffee zum Mitnehmen“ zu finden. Aber auch hier werden wir enttäuscht. Wir wollen schon ernüchtert weiter laufen, da kommt die Mutdusche von innen: los, frag doch einfach.

 

Wir stehen also zaghaft an der Bedienungstheke. Das Eis sieht lecker aus, die Betreiber der Eisdiele scheinen ein italienisches Paar zu sein. Die Frau rührt gerade frisches Pistazieneis an. Als sie es in die gekühlte Auslage stellt, lächeln wir ihr zu. Wir übersehen, ob sie zurück lächelt. Egal.

 

Wir nehmen unseren Wort-Mut zusammen und fragen nach einem Kaffee – und ja, es funktioniert, wir müssen nur 2 Euro bezahlen und bekommen sogar einen Keks dazu. Ein kleiner Sieg an diesem bisher so schweren Morgen.

 

Als nächstes geht es dann aber nur noch schnurstracks Richtung Parkbank, und dann erstmal: Kaffee und unser Buch. Wir atmen tief durch und beginnen, ein paar Zeilen zu lesen. Die Anspannung des Morgens beginnt sich zaghaft aufzulösen.

 

Zufällig fällt unser Blick auf die Wiese neben uns: unter massenhaft heruntergefallenen Magnolienblättern entdecken wir unzählige Gänseblümchen. Unsere kleinen, tapferen Lieblinge. Wir fühlen uns von ihren zarten weißen Flügelchen umarmt.

 

Zwischendurch erinnern wir uns immer wieder ganz bewusst daran: Heute ist Karfreitag. Schlimme Gefühle ziehen auf, und wir versuchen, sie zu verscheuchen durch Mantra-artiges Aufsagen von Zeilen wie „… und wir sind frei, wir sind frei zu entscheiden, frei zu kämpfen, frei, uns den Gespenstern von damals zu stellen, eben weil wir frei sind, weil uns keine Gewalt mehr erwartet, kein Eingesperrtsein, keine Schreie, keine Übergriffe.“ – Frei. Ein schönes Mantra an diesem so schweren Tag. Wir kämpfen, und wir spüren, wie wir ein kleines bisschen wachsen, lernen und loslassen können.

 

Wir wechseln nochmal den Platz. Wir wollen zum Wasser. Auf dem Weg dorthin kommen uns zahlreiche Menschen entgegen und wir versuchen, die Angst umzulenken und die Menschen als freundliche Mitmenschen an einem Karfreitag, die nur – genauso wie man selbst – spazieren gehen, zu betrachten. Ein bisschen funktioniert es.

 

Die Bank am Wasser tut gut. Wir atmen ein paar tiefe Sonnenstrahlen ein. Dann lesen wir nochmal in unserem Buch. Wir sind tief berührt: Die Worte darin sind klug, sie nötigen uns ein dauerhaftes inneres Kopfnicken ab.

 

Eine Weile später beschließen wir, den Bogen nicht zu überspannen und uns auf den Nachhauseweg zu machen. Auf der Rücktour kommen wir an einem Rapsfeld vorbei. Sein Gelb, das von der Sonne beschienen die Natur erleuchtet, umhüllt für einen Moment auch unser Inneres. Wir schenken ihm ein dankbares Lächeln.

 

Um 12.30 sind wir wieder zu Hause. Sofort befällt uns eine bleierne Depression. Ich wage den Versuch, dahinter zu schauen, und entdecke ein kleines Wesen und die gequälten Worte „Ich will nicht nach Hause“. Die Verzweiflung reißt mich fast weg. Ich beschließe, das kleine Wesen einfach nur wahrzunehmen. Zu mehr bin ich nicht mehr in der Lage, aber das will ich tun. Es scheint genug zu sein, denn die Gefühlsflut ebbt ein wenig ab und ich bin wieder in der Lage, uns etwas zu essen zu kochen. Wir haben heute viel geleistet. Und, aber, auch: viel gelernt.

 

 

 

Die Hölle der Nacht

Immer wieder quält mich dieser Mensch, kommt zu mir, kommt in meine Träume,
während ich einfach nur mein Leben versäume.
Er war mir so nah, so viel zu viel nah, seine Nacktheit, so nah an mir dran,
und dann gab es ihn, den Zeitpunkt des Tages, an dem es so oft begann,
da lag die Hölle der Nacht vor mir,
denn da verlor er alle Hemmungen, nachdem er Alkohol getrunken hatte, da wurde er zum Tier.
Und dann hat er es getan, immer wieder, hat sich immer wieder genommen, was er haben wollte,
hat nicht hingesehen, nicht hingehört, es war ihm egal, und ich verstand einfach nicht, was das sollte.
Immer wieder neu hörte ich sein Schnaufen, immer wieder neu sah ich sein Gesicht,
ich werde es nie vergessen, aber er, er weiß das alles nicht.
Sein Leben geht weiter, meins hat er zerstört,
und das alles ohne Strafe, nicht einen Tag, niemals jemand da, der ihn mal gefragt hätte, was das soll, was er da tut, und ob sich das gehört.
Und dann hat er es getan, wieder getan, niemand hat ihn aufgehalten,
er hat mich mir genommen, immer wieder neu, er kam immer wieder neu, er hat mich immer wieder neu gespalten.
Und am nächsten Morgen, da saß ich in der Schule, da sah ich in die Augen meiner Lehrer, und ich konnte nur weinen,
aber die Tränen, die sollte niemand sehen, die blieben bei mir, die blieben im Geheimen.
Und nach außen hin war ich die, die noch lachte,
die Witze machte,
die gute Noten schrieb und nicht an das Zuhause dachte.
Aber immer wenn sich meine Schritte diesem Haus näherten, da fing es an,
die Angst kroch meinen Nacken hoch und was ich gewesen war in der Schule, all das verschwand.
Wieder bohrte er sich in meinen Körper, wieder erschrak etwas in mir
und machte sich auf und davon und zurück blieb nur noch was er tat, mit mir.
Und er tat es wieder, und immer wieder, und immer wieder hielt ich den Atem an,
und die Hölle der Nacht lag ein weiteres Mal vor mir, und der Tanz der Vampire begann.

Depressionen – ich doch nicht?!!!

So dachte ich all die Jahre, die ich nun therapeutisch unterwegs bin. Wollte es unbedingt denken. Wollte es so haben. Warum auch immer.

Gestern aber war auf einmal alles anders. In einem Erfahrungsbericht einer ehemals essgestörten Frau las ich folgenden Satz:

Ich habe die Essanfälle auch deshalb gehabt, um die Depression nicht spüren zu müssen.

Puh.

Dieser Satz hat gesessen. Und ich habe zum ersten Mal seit 25 Jahren der Tatsache ins Auge geblickt: Ich habe wahrscheinlich (auch) deshalb Essanfälle, weil ich dann die depressiven Verstimmungen nicht ertragen muss. So ein Essanfall ist im akuten Moment ja das allerbeste Antidepressivum, das es gibt. Natürlich nicht langfristig – da fördern Essanfälle eher Depressionen. Die dann wieder Essanfälle erzeugen. Eine Endlosschleife. Aber für den Moment helfen sie wunderbar!

Was für eine krasse Erkenntnis. Mich hat das total schockiert. Behaupte ich doch, seit ich in Therapie bin, mit Erfolg und Zustimmung aller therapeutischen Fachkräfte, dass ich mit Depressionen nichts zu tun habe. Weil ich dieses typische Morgens-nicht-aufstehen-können oder das Sich-zu-nix-aufraffen-können einfach nicht kenne. Aber… dieses abgrundtiefe Gefühl von Leere, dieser fehlende Spaß an Aktivitäten, diese Schwierigkeiten von Herzen zu lachen – die kenne ich gut. Nur zu gut. Der Mangel an Selbstvertrauen und das Gefühl, ein Fremdkörper in der Welt zu sein. Ja, das kenne ich alles so gut.

Und jetzt?

Wird es am Ende Zeit, mir selbst mal einzugestehen, dass ich vielleicht doch depressiv bin? Und die depressiven Verstimmungen ein massiver Grund für meine Essanfälle sind?

Sofort ruft etwas in mir: Nein nein nein…! Es fühlt sich wie eine komplette Niederlage an. Jetzt nicht auch noch Depressionen!!! Aber etwas Zweites, Zartes, Wertungsfreies ahnt: Lauf nicht wieder weg. Es darf sein.

Vorsicht, trigger…

(Vorwort: … da geht es um etwas, das für mich, für uns, Alltag ist, und ich muss es mit einer Triggerwarnung versehen. Fast, als ob ich ein Schild an unseren Käfig hängen würde, „Vorsicht, giftig.“… – aber leider nochmal: Vorsicht, der Beitrag enthält Worte ohne Sternchen oder sonstige Unkenntlichmachungen.)

(…)

Vergewaltigt worden zu sein ist scheiße. Es ist ein lebenslanges Label. Weil es nie aufhört. Es ist eben nie „vorbei“, auch wenn einem Therapeuten dies unermüdlich einzutrichtern versuchen. „Heute passiert Ihnen nichts mehr“ ist eben nur in der Wahrnehmung der Therapeuten richtig. In unserer Wahrnehmung passiert es heute, in jeder einzelnen Sekunde, und es hört nicht auf, so viele Körperübungen wie wir auch machen. Sie können unsere Qual ein wenig lindern, diese Übungen, und das Wissen, dass es wohl „vorbei“ ist. Aber wirklich vorbei ist es nie. Das Schnaufen im Ohr … das ohnmächtige Kämpfen gegen einen Körper, der einfach stärker ist als der eigene … das Gefühl, etwas in sich zu haben, das einen regelrecht von innen verseucht … und der Verrat des eigenen Körpers, der neben den zerreißenden Schmerz und den Ekel noch ein Gefühl schiebt, das man nie mehr spüren möchte (und im weiteren Leben jedes Mal spüren soll, wenn einen jemand „liebt“) … der ekelhafte, penetrante Geruch von Schweiß, Sperma, und seine Spuren auf dem eigenen Körper, auf der eigenen Haut – so etwas ist niemals „vorbei“. Man kann sich niemals so oft duschen, dass der Körper sich endlich mal sauber anfühlt … man kann es einfach nicht.

(…)

Was die Täter einem Menschen antun, indem sie ein paar Minuten ihrer fehlgeleiteten Sex- und Machtgier folgen – ich wünschte, sie wüssten es. Und würden sich danach ihr ganzes Leben schuldig fühlen. Ja, ich wünschte, es wäre nie vorbei: Auch für sie nicht!!! Das wäre nur ausgleichende Gerechtigkeit.

Wie gerne würde ich mein Leben teilen…

Hallo an euch da draußen…

Wenn man mit Menschen zu tun hatte, die einem Böses wollten und taten, darf man nicht mehr sein Leben in den sozialen Medien mit Anderen teilen. So gerne würde ich manchmal etwas von meinen Gedanken berichten, unbezahlbare Momente im Bild teilen. Ideen, Spinnereien, Schönes und Trauriges. Gerade deshalb, weil ich es so oft nicht gut hinkriege, in den realen Kontakt zu treten. Doch zu groß ist die Gefahr, gefunden und erkannt zu werden. Es isoliert, und es macht so traurig…

Wie löst ihr dieses Problem für euch?

Sicherheit II.

Hui … da haben wir aber lange gar nichts geschrieben … nur gefühlt … und vergessen, dass wir noch „hier“ sind …

Nun ist es wieder da, das Thema „Sicherheit“, und heute durfte ich eines lernen: Wenn es nie Sicherheit gab, dann kann und muss es auch jetzt keine Sicherheit geben. Wir wissen ja überhaupt nicht, was das ist, und es macht eher Angst als ein gutes Gefühl.

Was „wohlfühlen“ ist, wissen wir aber. Deshalb suchen wir jetzt nach „Wohlfühl-Orten“, und nicht mehr nach „sicheren Orten“. Und sind gespannt, ob sich dadurch etwas verändert. Eigentlich brauchen wir Sicherheit so dringend, aber was und wie, wenn wir es nicht kennen?

Und: Wir dürfen Neues lernen. Es muss nicht „nur“ das Alte, schon Bekannte sein und bleiben. Ob es ein „wohlfühlen“ jenseits des schon Bekannten gibt?

Sicherheit

Ein großes Thema für uns gerade, weil wir es nie kannten, das Gefühl der Sicherheit.

Jetzt wollen wir es lernen.

Wie fühlt sich das an: Sicherheit?