Es ist 10.45, und wir sitzen in unserem Lieblingspark. Viele Herausforderungen, die es schon zu bewältigen gab, bis wir am Ende hier angekommen sind, auf dieser Parkbank. Mit Sonne zwischen den Wolken, und mit Vogelgezwitscher.
Das Aufstehen fühlte sich schon falsch an. Viel zu müde und erschöpft haben wir uns aus dem Bett begeben, uns Ingwertee gekocht und angezogen. Kaffee, so dachten wir, würden wir uns heute ausnahmsweise mal beim Bäcker leisten.
Dann der Weg, mit der Erschöpfung in Kopf und Körper eine ziemliche Tortur. Gedankenchaos. Wären wir doch n8 im Bett geblieben!!! Wir verfluchen uns innerlich. Dann die Idee: Jetzt ist es eben so, wie es ist, und wir versuchen, im Moment zu bleiben. Ob es im Bett wirklich besser gewesen wäre, kann uns ja letztlich auch niemand sagen.
Was wir dann leider feststellen müssen: an Karfreitag haben alle Bäcker zu. Enttäuschung… und die Idee, die Stadt nach geöffneten Cafés abzusuchen in der Hoffnung, dort einen günstigen Kaffee zu bekommen. Aber nichts. Alles zu. Der Blick fällt auf eine geöffnete Eisdiele. Wir schlendern daran vorbei, wünschen uns ein Schild „Kaffee zum Mitnehmen“ zu finden. Aber auch hier werden wir enttäuscht. Wir wollen schon ernüchtert weiter laufen, da kommt die Mutdusche von innen: los, frag doch einfach.
Wir stehen also zaghaft an der Bedienungstheke. Das Eis sieht lecker aus, die Betreiber der Eisdiele scheinen ein italienisches Paar zu sein. Die Frau rührt gerade frisches Pistazieneis an. Als sie es in die gekühlte Auslage stellt, lächeln wir ihr zu. Wir übersehen, ob sie zurück lächelt. Egal.
Wir nehmen unseren Wort-Mut zusammen und fragen nach einem Kaffee – und ja, es funktioniert, wir müssen nur 2 Euro bezahlen und bekommen sogar einen Keks dazu. Ein kleiner Sieg an diesem bisher so schweren Morgen.
Als nächstes geht es dann aber nur noch schnurstracks Richtung Parkbank, und dann erstmal: Kaffee und unser Buch. Wir atmen tief durch und beginnen, ein paar Zeilen zu lesen. Die Anspannung des Morgens beginnt sich zaghaft aufzulösen.
Zufällig fällt unser Blick auf die Wiese neben uns: unter massenhaft heruntergefallenen Magnolienblättern entdecken wir unzählige Gänseblümchen. Unsere kleinen, tapferen Lieblinge. Wir fühlen uns von ihren zarten weißen Flügelchen umarmt.
Zwischendurch erinnern wir uns immer wieder ganz bewusst daran: Heute ist Karfreitag. Schlimme Gefühle ziehen auf, und wir versuchen, sie zu verscheuchen durch Mantra-artiges Aufsagen von Zeilen wie „… und wir sind frei, wir sind frei zu entscheiden, frei zu kämpfen, frei, uns den Gespenstern von damals zu stellen, eben weil wir frei sind, weil uns keine Gewalt mehr erwartet, kein Eingesperrtsein, keine Schreie, keine Übergriffe.“ – Frei. Ein schönes Mantra an diesem so schweren Tag. Wir kämpfen, und wir spüren, wie wir ein kleines bisschen wachsen, lernen und loslassen können.
Wir wechseln nochmal den Platz. Wir wollen zum Wasser. Auf dem Weg dorthin kommen uns zahlreiche Menschen entgegen und wir versuchen, die Angst umzulenken und die Menschen als freundliche Mitmenschen an einem Karfreitag, die nur – genauso wie man selbst – spazieren gehen, zu betrachten. Ein bisschen funktioniert es.
Die Bank am Wasser tut gut. Wir atmen ein paar tiefe Sonnenstrahlen ein. Dann lesen wir nochmal in unserem Buch. Wir sind tief berührt: Die Worte darin sind klug, sie nötigen uns ein dauerhaftes inneres Kopfnicken ab.
Eine Weile später beschließen wir, den Bogen nicht zu überspannen und uns auf den Nachhauseweg zu machen. Auf der Rücktour kommen wir an einem Rapsfeld vorbei. Sein Gelb, das von der Sonne beschienen die Natur erleuchtet, umhüllt für einen Moment auch unser Inneres. Wir schenken ihm ein dankbares Lächeln.
Um 12.30 sind wir wieder zu Hause. Sofort befällt uns eine bleierne Depression. Ich wage den Versuch, dahinter zu schauen, und entdecke ein kleines Wesen und die gequälten Worte „Ich will nicht nach Hause“. Die Verzweiflung reißt mich fast weg. Ich beschließe, das kleine Wesen einfach nur wahrzunehmen. Zu mehr bin ich nicht mehr in der Lage, aber das will ich tun. Es scheint genug zu sein, denn die Gefühlsflut ebbt ein wenig ab und ich bin wieder in der Lage, uns etwas zu essen zu kochen. Wir haben heute viel geleistet. Und, aber, auch: viel gelernt.